Der Schwefel in der alten Medizin

Th. Quak

Der Schwefel ist als Element ein allgemeiner Eiweißbaustein, sowohl bei den höheren als auch den niederen Organismen, bei den Pflanzen ebenso wie bei den Tieren. Die Schwefelbakterien benutzen ihn sogar zur Ernergiegewinnung durch Oxidation und bauen so ihre Körpersubstanz auf. Dies ist einer der Prozesse, die zeigen, wie die Natur aus einfachen anorganischen Körpern organische Substanz erzeugt.

Die organische Substanz enthält den weitaus größten Teil des Schwefels in Form von Cystin und Methionin, also in weitgehend reduzierter Form. Die Pflanze nimmt den Schwefel aber als Sulphat auf, muß ihn also reduzieren um ihn in das Eiweiß oder andere organische Stoffe einbauen zu können Die Gewebe der höheren Tiere besitzen diese Reduktionsfähigkeit nicht. Sie scheinen auch nicht in der Lage zu sein, die Kohlenstoff-Schwefelbindung selbst aufzubauen.

Der Schwefelgehalt des Eiweißes ist schon lange bekannt. Gerardus Johannes Mulder (1802-1880), der den Namen Proteine zuerst anwendete, nahm an, daß Schwefel und Phosphor an das allen Eiweißstoffen gemeinsame Radikal "Proteinoxyd" gebunden seien, und gab, im Sinne der Theorien seiner Zeit, dem Eiweiß die allgemeinen Formel Pr + PS. Justus von Liebig (1803-1873) zeigte dann allerdings, daß der Schwefel in saurer Lösung mit dem Eiweiß ausgefällt wird, eine Beobachtung, die zur Mulderschen Vorstellung vom "Eiweißradikal" im Widerspruch stand.

Eine der am längsten bekannten Eiweiß-Schwefelverbindungen ist das Taurin, das 1824 von Leopold Gmelin (1788-1835) in der Ochsengalle [Fel tauri] entdeckt wurde.

1899 konnte von Karl Axel Hampus Mörner durch Isolierung aus Horn der eindeutige Nachweis der Existenz der schwefelhaltigen Aminosäure Cystein als Eiweißbestandteil erbracht werden. 1921 entdeckte John Howard Mueller die zweite schwefelhaltige Aminosäure, das Methionin, eine der essentiellen Aminosäuren, die vom Körper nicht selbst synthetisiert werden können.

Heute kennt man viele weitere Stoffe, Enzyme, Vitamine, Hormone usw. die Schwefel als wichtigen Bestandteil enthalten. Einige seien beispielhaft erwähnt: Das Gluthation, mit seinen wichtigen Redox-Eigenschaften unentbehrlich für viele Stofwechselschritte, das den Zuckerhaushalt mitregulierende Insulin, das Coenzym A mit seiner zentralen Stellung im Citratzyklus, das Biotin, das als Vitamin für viele Carboxylierungsschritte wesentlich ist und das Vitamin B1 (Thiamin), als wichtiges Coenzym zahlreicher Stoffwechselreaktionen.

Auch unter den heutigen Arzneien findet man den Schwefel wieder: Z.B. spielt der Schwefel bei den verschiedenen Penicillinen eine wichtige Rolle in der Struktur ihres chemischen Grundgerüstes. Viele moderne Chemotherapeutika enthalten Schwefel: Die Thyreostatika, die Abkömmlinge des Thioharnstoffs sind (Thiamazol, Carbimazol), die diuretisch wirkenden Thiazide (Acetazolamid, Chlorothiazid, Chlortalidon etc.), das Barbiturat Thiopental, das Neuroleptikum Thioridazin, die Purinanaloga Thioguanin und Mercaptopurin, usw.

Im Folgenden werden Sie sehen, daß die mit diesen Arzneien abgedeckten Wirkspektren (Desinfektion, Diurese, Sedierung) seit altersher dem Schwefel als Eigenschaften zugerechnet werden. Erstaunlicherweise haben viele der Indikationen für die Schwefeltherapie eine homöopathische Entsprechung. Die Rubriken, die mit den Behandlungsempfehlungen der alten Zeit konform gehen, sind in eckigen Klammern angegeben (Repertorium Generale Deutsch = RGD).

Schon in der Odyssee wird die Verwendung des Schwefels [Sulphur] zur Reinigung, Entsühnung und zur Vertreibung böser Geister [Wahnideen, Gespenster, Geister, sieht: RGD 67] berichtet. Gewonnen wurde er in der antiken Zeit überwiegend in den Minen bei Mossul, aber die Gewinnung von Schwefel ist auch von den Ölquellen in Mesopotamien (z.B. Kerkuk) beschrieben, die große Mengen von Schwefelwasserstoffgas [Sulphur hydrogenisatum] entwickeln.

Auch die nördlichen und westlichen Völker haben den Schwefel wohl schon sehr früh gekannt und für sich nutzbar gemacht. Man kann dies auch in der Sprachentwicklung nachvollziehen: Einer indogermanischen Grundform "suelplo-s", die mit "suel" (schwelen) zusammenhängen dürfte, sind die synonymen Bezeichnungen "sulphur" (latein.), "swebal" (althochdeutsch) und "swefl" (altenglisch) zuzuordnen.

Überhaupt hatte der Schwefel eine ungewöhlnlich reiche Nomenklatur: "Prima materia metallorum, Pyr, Cibut, Chybur, Krappili, Rabric, Akiboth, Ahusal, Tifasum, Usifur und weiter: primum naturae agens ad omnia metalla procreanda, metallorrum pinguedo, Solis scorpio, ignis terrae, terra foetida etc.

Der nicht durch Beimengungen verunreinigte Schwefel von gelblicher bis grünlicher Farbe hieß, da er nicht umgeschmolzen zu werden brauchte, bei den Griechen "apyron", bei den Römern "sulphur vivum". Er galt als der Beste und schon an sich als ein ausgezeichnetes Heilmittel. Die Ärzte gebrauchten ausschließlich diese Sorte. Oft wurde der Schwefel in Form von Räucherungen angewandt, was zum einen seinen Grund in der leichten Brennbarkeit des Minerals fand, aber besonders auch in der Beobachtung, daß Schwefeldämpfe in hohem Grade desinfizierend [Haut, Läuse: RGD 1124] wirken.

Die bezüglich der desinfizierenden Eigenschaften des Schwefels bzw. des Schwefeldioxyds gesammelten Erfahrungen kamen verschiedenen Gebieten zugute. Weinfässer wurden damit gereinigt und die Ungeziefer im Weinbau bekämpft. Auch bei der Baum- und Viehzucht kam er zum Einsatz.

Im 19. Jahrhundert waren die Schwefelräucherungen insbesondere zur Behandlung der Krätze [Hautausschläge, Scabies: RGD 1118] sehr modern. Der erste, der den Schwefel in geschlossenen Behältnissen verbrannte, um durch die Schwitzwirkung verschiedenste Krankheiten zu behandeln, eben auch die Scabies, war der in Amsterdamm lebende deutsche Chemiker Johann Rudolf Glauber (1604-1668), der Entdecker des schwefelsauren Natriums, dem Glaubersalz [Natrium sulphuricum]. Er konstruierte einen Kasten, in dem die "trockenen sulphurischen Geister" auf den Patienten einwirkten.

Als der Pariser Apotheker Jean-Chrysanthe Galés (1783-1854) am Hôspital Saint-Louis 1812/13 355 Krätzige mit Schwefeldämpfen behandelte, um die von ihm neu beobachtete Krätzmilbe abzutöten und darüber eine Propagandaschrift verfaßte, erlebte diese Therapie einen ungeahnten Aufschwung. Andere medizinische Anwendungen des Schwefels gerieten zu dieser Zeit fast in Vergessenheit.

Plinius (23-79 n Chr.) erwähnt die Anwendung von Schwefel gegen Ohnmachtsanfälle [Bewußtlos: RGD 9] und zur Erkennung simulierter Krämpfe [Extremitäten, Krämpfe: RGD 877]. Nach Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) soll Schwerhörigkeit [Hören, Schwerhörigkeit: RGD 275. Taub: RGD 276] heilbar sein, wenn der Dampf durch ein Röhrchen ins Ohr eingeführt wird. Schwindsüchtigen [Brust, Tuberkulose: RGD 758. Allgemeines, Abmagerung: RGD 1137] wurde von Galen (um 129-201) der Aufenthalt in einer mit Schwefeldünsten erfüllten Luft, z.B. in der Nähe des Vesuvs, verordnet.

Äußerlich diente Sulphur vivum als Therapeutikum in Form von Pflastern (emplastra malagmata) und zu Salben verarbeitet hauptsächlich der Behandlung von Hautkrankheiten [Hautausschläge: RGD 1108]. In seiner "Gynäkologie" empfielt Soranos von Ephesos (2. Jh. n. Chr.) Schwefel in Zäpfchenform als Abortivum [Genitalia, weiblich, Abort: RGD 623. Neigung zum Abort: RGD 623. Blasenmole: RGD 623].

Nach Angaben von Plinius besitzt Sulphur vivum, sei es allein oder mit Kalk zusammengeschmolzen [Hepar sulphuris] oder in Kombination mit vielen anderen Stoffen große Heilkräfte. Es vertreibt namentlich Flechten [Hautausschläge, Ekzem: RGD 1111] und Aussätze aller Art.

Eine Bereitung aus Schwefel und Kalk wurde auch zur Verfälschung und Nachahmung von Edelmetallen verwendet. Diese "Hydor Theion" (= schwefeliges Wasser oder auch göttliches Waser) genannte Substanz wurde durch Erhitzen von Schwefel und Kalk [Hepar sulphuris] hergestellt, wobei es als Schmelze oder, in Gegenwart von Essig oder Harn, als blutrote Lösung gewonnen wurde. Da es trocken fast alle Metalle angreift und gelöst viele Metalle ausfällt und verschieden färbt, wurde es viel verwendet.

Plinius beschreibt noch drei weitere Gattungen des Schwefels, die man durch Umschmelzen des natürlich vorkommenden Minerals gewinnen kann. Diese Sorten hießen "gleba, egula, und caute". Die beiden ersten dienten zur Arbeit in den Walkereien, die letzgenannte zur Anfertigung von Lampendochten. Zur Tätigkeit der Walker gehörte das Bleichen der Wolltücher, die zu diesem Zweck in angefeuchtetem Zustand über ein Weidengeflecht gehängt wurden; darunter zündete man den Schwefel (egula) in einer kleinen Kohlenpfanne an. Da die Dämpfe unechte Farben angreifen, war dies Verfahren außer bei weißen Stoffen nur bei echt gefärbten möglich.

Ein Präparat aus Pech und Schwefel hielt man für wirksam gegen alle Ausschläge.

Dioskurides berichtet in der "Materia medica" über zahlreiche Indikationen und über innerlich und äußerlich in Verbindung mit Natron [Natrium sulphuricum], Essig, Pech, Asphalt, Harz oder Terpentin sowie mit allerlei Pflanzensäften anzuwendende Präparate. Gegen Husten [Husten: RGD 675 ff. Husten, asthmatisch: RGD 679], Asthma [Atmung, Asthma: RGD 662. Asthma bei Kindern: RGD 663] und innere Geschwüre [Magen, Schmerz: RGD 445ff. Magenulcera: RGD 465. Abdomen, Ulcera: RGD 527] helfe der Schwefel, wenn er zusammen mit einem Ei genommen werde. Glüht man in einem Tiegel ein Gemenge von Blei und Schwefel, so scheide sich eine dunkle, graubraun gefärbte Masse ab (Bleisulfid, PbS), die in der Medizin und der Kosmetik [Gesicht, Hautausschläge, Pickel: RGD 319] gebraucht werden könne.

Bekannt ist auch der vielfältige Gebrauch von schwefelhaltigen Mineralbädern. Durch Livius ist überliefert, daß die Bäder mindestens schon seit 176 v. Chr. zu therapeutischen Zwecken benutzt wurden. Man hielt diese Bäder für hilfreich bei rheumatischen und ähnlichen Leiden [Extremitäten, Entzündung, Gelenke: RGD 826]. Ebenso wußte man, daß die Schwefelbäder spastische Schmerzen [Abdomen, Schmerz, Kolik, Gallenkolik: RGD 495. Krampfschmerz: RGD 505] milderten, überflüssige Säfte aus Leber [Abdomen, Schwellung Leber: RGD 524. Abdomen, vergrößert, Leber: RGD 527] und Milz [Abdomen, vergrößert, Milz: RGD 527] ausziehen und die äußere Körperoberfläche säubern. Arnald von Villanova (1325-1311) empfahl Schwefelbäder bei Steinbeschwerden . In der Bäderliteratur des 18. Jahrhunderts wird auch Verstopfung [Rectum, Verstopfung: RGD 552ff] im allgemeinsten Sinn als Indikation zur Hydrotherapie angegeben.

Marcellus Empiricus (geb. um 379) empfielt gegen Koliken [Abdomen, Schmerz, Kolik, Gallenkolik: RGD 495. Schmerz, Krampfschmerz: RGD 505ff] eine Medizin, die neben Opium auch gediegenen Schwefel enthält.

Alexander von Tralles (525-605) verwendete schwefelhaltige Salben bei Alopezie [Kopf, Haar fällt aus: RGD 96. Entbindung, nach der: RGD 96], krätzigen Kopfausschlägen [Kopf, Hautausschläge: RGD 97ff], Wassersucht [Abdomen, Ascites: RGD 473. Extremitäten, Schwellung, ödematös: RGD 1012], Husten und chronisch "verhärteter" Angina [Hals, Entzündung, chronisch: RGD 392. Eiterung, Tonsillen: RGD 391]. Neben seiner auflösenden Eigenschaft wird dem Schwefel auch eine beruhigende Wirkung zugeschrieben [Sprechen, Schweigsamkeit: RGD 53. Schlaf, Schhläfrigkeit: RGD 1048].

Aetius von Amida (6. Jhd.) empfielt mit Juniperus (Wacholder) und Alaun gekochten Schwefel [Kalium sulphuratum, Kalium sulphuricum] bei Geschwüren [Haut, Ulcera: RGD 1127], Anschwellungen des Leibes [Abdomen, Schwellung, Leber der: RGD 524] oder einzelner Teile [Extremitäten, Schwellung, Arme/Hand/Finger/etc.: RGD 1012ff] und als Roborans bei schwächlicher Konstitution [Allgemeines, Schwäche: RGD 1184ff]. Diese letztgenannte Anwendung soll in der stoffwechselsparenden Wirkung des Schwefels begründet sein. Aetius empfielt auch die Schwefelthermen. Nach ihm haben sie erwärmende und austrocknende Eigenschaften [Haut, trocken: RGD 1127], sodaß sie bei "feuchten und kalten Körpern" Hilfe leisten. Z.B. bei Erkrankungen der Gelenke, Podagra [Extremitäten, Schmerz, erste Zehe: RGD 925], Nephritis [Nieren, Entzündung: RGD 579], schlecht heilenden Frakturen [Verletzungen: RGD 1197. Wunden, heilen zu langsam: RGD 1199], alten, verhärteten Ulcera [Haut, Ulcera, heilen schlecht RGD 1130. Ulcera, verhärtet: RGD 1132], bei Hautverunreinigungen, Vitiligo [Haut, Farbe, weiß, Flecke: RGD 1107] und Lepra [Hautausschläge, Lepra: RGD 1116]. Ebenso soll der Schwefel bei der Melancholie [Depression: RGD 14] hilfreich sein.

Avicenna (980-1037) befaßt sich mit den toxikologischen Eigenschaften des Schwefels und meint, dieser zerstöre den Zusammenhang ("Complexio") des Gewebes der Haut, bereite sie zur Fäulnis [Haut, Ulcera, faul: RGD 1129] vor und lasse bei zu langer Einwirkung Katarrhe [Nase, Katarrh: RGD 289] und Hydrops [Brust, Hydrops: RGD 725. Extremitäten, Schwellung, ödematös: RGD 1012] entstehen.

In ihrer "Causae et curae", eine der bekanntesten medizinischen Schriften des Hochmittelalters beschreibt die Äbtissin Hildegard von Bingen ein äußerlich gegen Lepra anzuwendendes Mittel. Es bestand aus einer Mischung von Schwalbenmist, rotblühender Klette, Storchen und Geierfett und einer reichlichen Beimischung von Schwefel.

Es ist nicht verwunderlich, daß der sogenannte Schwefelbalsam, Oleum lini sulphuratum, hergestellt durch Kochen von einem Teil Schwefel in sechs Teilen Leinöl, eine bekannte Volksmedizin war. Im 16. Jahrhundert wurde dieser Balsam unter Zumischung von Terpentinöl als Wundheilmittel [Wunden, heilen zu langsam: RGD 1199] gebraucht und stieg später sogar zur Universalmedizin auf.

Weil in der Lehre von der Entsprechung von Makrokosmos und Mikrokosmos das Gold [Aurum, Aurum sulphuratum] eine besondere Affinität zum Herzen hat, ist der in Gold vorhanden gedachte Sulphur nach Theophrastus Paracelsus bei Herzkrankheiten heilsam [Brust, Entzündung, Herz: RGD 717. Myocarditis: RGD 717. Pericarditis: RGD 717] ; aus dem Antimon (Spießglanz) geboren, wirkt er bei allen Arten von Lungenaffektionen [Brust, Entzündung: RGD 716ff]. Überraschenderweise schreibt Paracelsus dem aus den Vitriolen entstehenden Schwefel eine narkotische Wirkung zu, aber nicht "auf opiatische Wirkung", sondern "so ruwig und so milt" [Milde: RGD 40], daß er "legt alle Passiones, sedirt on schaden alle dolores, extinguirt alle calores". Unter den von Paracelsus verwendeten Schwefelpräparaten befanden sich Schwefelblumen und Schwefelmilch, die er auch mit Harzen versetzte, ferner schwefelige Säure [Sulphurosum acidum], Schwefelsäure [Sulphuricum acidum], Schwermetallsulphate [Cadmium sulphuratum] und andere.

Einer der Gegner der Schwefeltherapie, der berühmte Widersacher des Paracelsus, Johannes Crato von Krafftheim (1519-1585), Leibarzt von drei Kaisern (Ferdinand I., Maximilian II., Rudolf II.), meint in seinen "Epistolae medicinales", der Schwefel sei "allzustark in seiner auflösenden Kraft; infolge seiner schweißtreibenden Wirkung [Schweiß, reichlich: RGD 1098] trocknet er den Körper zu sehr aus [Mund, Trockenheit: RGD 371ff]. Auch sei "sulphurischer Wein" wegen seiner Arsenähnlichkeit völlig abzulehnen [Arsen und Sulphur sind komplementär, folgen gut aufeinander und antidotieren sich gegenseitig].

Libavius (Libau, 1548-1616] empfielt den Schwefel als Wurmmittel bei Kindern [Rectum, Würmer: RGD 553f]. Vier Körner pro die eingenommen sollen wirksam gegen Lues [Allgemeines, Syphilis: RGD 1195] sein, für die früher auch schon Schwefelbäder empfohlen wurden.

Der Jenaer Anatom Wener Rolfinck (1599-1673) verwendete den Schwefel als balsamisches Harz bei Lungenleiden und in "saliner Form" bei Amenorrhoe [Genitalia, weiblich, Menses, Amenorrhoe: RGD 629], wegen seiner "öffnenden Kraft".

In einem anonymen "Handbuch der practischen Pharmakologie" (Halle 1792) heißt es: " Der Schwefel dehnt durch sein Phlogiston das Blut sehr aus [Extremitäten, Völle, Gefäße: RGD 1033], schneidet Säfte ein und verursacht vermehrte Ausdünstung und Schweiß. Da ferner die Personen, die ihn nehmen, darnach riechen [Schweiß, Geruch, Eier, wie verdorbene: RGD 1096. Übelriechend: RGD 1097], und das Gold und Silber, welches sie an sich tragen, schwarz davon wird, so wirkt er selbst bis in die kleinsten Gefäße".

Leider weiß man wenig über die Anwendung des Schwefels in Indien, China und Palästina; den Juden waren die schwefelführenden Ablagerungen von heißen Quellen im Jordantal bekannt. Der häbräische Name "gophrît" hängt wahrscheinlich mit "gôpher", der Bezeichnung für Bitumen, zusammen. Bibel und Mischna erwähnen den Schwefel mehrfach.

Die vielfachen Indikationen zur Anwendung des Schwefels zeigen, welche unmittelbare, arzneiliche Potenz diesem so erstaunlichen Stoff innewohnt. Die Homöopathie bringt die Möglichkeiten des Sulphur vivum zur höchsten Vollendung.